LUCKLUM. "Alle Musiker verzichten heute Abend auf ihre Gage." So begrüßte André Huk, Sänger und Gitarrist der Band "The Beagles", die Besucher in der Wegwarte in Lucklum. Den ganzen Artikel lesen...
LEBENSTEDT. Die Straße nach Salzgitter ist grau wie das Wetter an diesem Heiligen Abend. Die Menschen sitzen bei ihren Familien unter dem Weihnachtsbaum beisammen, essen, freuen sich, genießen den Abend. Doch das gilt längst nicht für alle Menschen in Salzgitter. Einige von Ihnen treffen wir in der Wärmstube der katholischen Pfarrgemeinde St. Joseph in Lebenstedt.
Rund 20 Bedürftige haben sich in der Wärmstube eingefunden, die meisten von ihnen sind Männer, zwei Frauen sitzen dabei. Einigen ist anzuzsehen, dass sie eine bewegte Geschichte hinter sich haben. Sie möchten nicht alle aus ihrem Leben erzählen, oder warum sie hier sind, scheuen sich vor dem Foto für die Zeitung. Viele von ihnen fühlen sich von der Gesellschaft ausgegrenzt und missachtet, finden häufig beim täglichen Frühstück in der Wärmstube menschlichen Zuspruch und die einzige Gelegenheit, Gespräche zu führen.
Seit 15 Jahren gibt es die Wärmstube, berichtet Elisabeth Kolb, die zusammen mit Heide Schmidt die Wärmstube leitet. „Vor 15 Jahren gab es viele Obdachlose in Salzgitter", berichtet Kolb. Das sei heute nicht mehr so. Die meisten seien in Wohnungen untergekommen. „Wir haben hier täglich 15 bis 20 Menschen beim Frühstück, im Sommer hin und wieder auch Durchreisende", erzählt Diakon Rupert Butterbrot. „Als wir angefangen haben, gab es eine Anschubfinanzierung von der Kirche. Heute finanzieren wir uns ausschließlich über Spenden", erklärt Butterbrot. Hinzu kämen Lebensmittel- und Sachspenden. Das Weihnachtsessen an Heilig Abend sei eine Privatspende der Familien Kolb und Schmidt, so Butterbrot, während die beiden Frauen und Kolbs Sohn Christian anfangen, das warme Essen an ihre Gäste auszuteilen.
Neben Weihnachtsbaum und Essensausgabe ist ein Gabentisch eingerichet. Für jeden Gast gibt es eine große Tüte mit Dingen für den täglichen Bedarf. „Wir haben das Glück, eine Kleiderspende bekommen zu haben", freut sich Schmidt. Rechts neben dem Eingang liegt ein großer Stapel Kleidung, vor allem Jacken, Pullover und Ähnliches für die kälteren Tage, die unter den bedürftigen dankbare Abnehmer finden. Wie bei Stefan (Name von der Redaktion geändert), der sich über eine warme Jacke freut. Stolz zeigt er nach dem Essen ein vergilbtes Sandburgen-Bild. „Ich kann alles mit Sand machen", sagt er. Vor Jahren verdiente er mit seinen Kunstwerken Geld, doch heute bleiben ihm davon nur noch Erinnerungen.
„Wir sind alle alleine und suchen den menschlichen Kontakt", bringt Adnan (Name von der Redaktion geändert), ein 48-jähriger Türke, die Gefühle der Besucher auf den Punkt. Er kommt seit 15 Jahren in die Wärmstube. Ein wenig sei es hier wie Familie, sagt er, die Besucher gehörten dazu, wo sonst gesellschaftliche Ausgrenzung und Einsamkeit an der Tagesordnung seien. „Hier werde ich als Mensch geachtet", sagt Andreas Brych. Der 61-jährige kommt vor allem deshalb zum täglichen Frühstück und ist auch Heilig Abend da. Er wehrt sich dagegen, bereits zum alten Eisen zu gehören. „Ich habe Elektriker gelernt, mich zum Fachhandelswirt und Informatiker weitergebildet", erzählt er. Doch mit Jobverlust und Scheidung kam der Abstieg.
Informationen: Die Wärmstube der katholischen Pfarrgemeinde St. Joseph in Lebenstedt ist ganzjährig geöffnet. Bis zu 20 Personen besuchen sie regelmäßig und finden dort neben einem kleinen Frühstück soziale Kontakte und Gespräche.
Adresse: St. Joseph-Gemeinde, Suthwiesenstraße 6, 38226 Salzgitter, Telefon: 05341/86 31 0.
Frühstückszeiten: Montag bis Samstag 7.30 bis 10 Uhr.
Spendenkonto: Pfarrgemeinde St. Joseph-Salzgitter, Verwendungszweck Wärmstube und Bedürftige, Bank: DKM Münster, Konto: 38 015 400, Bankleitzahl: 400 602 65.
„Ich habe zehn Jahre im Handel gearbeitet, aber wer nimmt mich denn noch", berichtet er mit ein wenig Verbitterung in der Stimme. Das Alter und dass er aus dem Osten käme, seien Hinderungsgründe, stellt er fest. Doch an Aufgeben denkt er nicht. Über Praktika versucht er, neue Aufgaben und Chancen zu finden. Der gelernte Kellner Gustav Rex hat sich zur guten Seele der Wärmstube entwickelt. Der 61-jährige ist das sechste Jahr dabei. Viel Aufhebens will er von seiner Arbeit für die Stube nicht machen, doch er organisiert die Einkäufe für die Wärmstube, macht sauber und packt an, wo er kann. „Gustav kam als Ein-Euro-Jobber zu uns", erzählt Schmidt. Sie seien froh, dass sie ihn hätten, denn er sei jeden Tag da.
Natürlich gibt es auch hier keine Bescherung ohne Besinnliches. Vor dem Essen liest Elisabeth Klob eine kleine Weihnachtsgeschichte vor. Die Lichter am Weihnachtsbaum brennen und es duftet nach Essen. Gespräche schwirren durch die Luft und dann ist es für ein paar Stunden auch hier da, dieses Gefühl von Weihnachten und Familie (Salzgitter Zeitung).